Literatur

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Adrian Vokov. Duell zwischen Puschkin und d’Anthès. 1869

Die höchste Blüte erreichte die russische Poesie im 19. Jahrhundert.

Dies wird mit den beiden Namen, Alexander Puschkin (1799-1837), Begründer der russischen literarischen Sprache und der neuen russischen Literatur, und Michail Lermontow (1814-1841), Romantiker, eng verknüpft.

Eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des russischen realistischen Theaters spielte die Komödie „Verstand schafft Leiden“ von Alexander Gribojedow (1795-1829).

In der Prosa herrschte das Oberhaupt der „Natürlichen Schule“, Nikolai Gogol (1809-1852).

Alexander Witberg. Porträt von Alexander Herzen. 1836

Die progressiven Stimmungen der Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts fanden ihre Widerspiegelung in Werken des Prosaikers und Publizisten, Alexander Herzen (1812-1870).

Zu den Helden der Werke des 19. Jahrhunderts wurden immer öfter Menschen, die mit der Unvollkommenheit der damaligen Gesellschaft unzufrieden waren. Zu dieser Kategorie gehörten „Der Reisende“ von Alexander Radistschew (1749-1802), der revolutionäre Ideen ankündigte, „Onegin“ von Puschkin und „Petschorin“ von Lermontow.

In der Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer deutlicher ein Held ab, der sich für die Zustände in Russland verantwortlich fühlte und nach Wegen zur Einführung der sozialen Gerechtigkeit und Humanität suchte.

Die Frage „Was tun?“ wurde von Nikolai Tschernyschewski (1828-1889) gestellt.

Es brach das goldene Zeitalter des russischen realistischen Romans an, der einen großen Einfluss auf die Weltliteratur ausgeübt hat. Lew Tolstoi (1828-1910) schuf seine Werke „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“ und „Auferstehung“. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema der qualvollen Suche nach dem moralischen Ideal, der Eingliederung in das natürliche Leben des Volkes und in die Natur durch sein ganzes Schaffen.

Der Schriftsteller betrachtete die Zivilisation als ein Übel, lehnte jegliche Gewalt ab und rief sogar dazu auf, dem Bösen nicht mit Gewalt zu widerstehen und predigte die Ideen der moralischen Vervollkommnung der Persönlichkeit.

Die Romane von Fjodor Dostojewski (1821-1881) „Schuld und Sühne“, „Die Brüder Karamasow“ und „Der Idiot“ wurden zu einer markanten Erscheinung, nicht nur in der russischen, sondern auch in der Weltliteratur.

Als die Hauptidee seines realistischen Schaffens betrachtete Dostojewski das Streben danach, „Im Menschen einen Menschen zu finden“. Die Persönlichkeit befand sich in seinen Romanen in Grenzsituationen und wurde schweren Prüfungen unterzogen.

Nach der Ansicht Dostojewskis ist der Mensch letzten Endes unter allen Umständen für alle Taten verantwortlich.

Nikolai Nekrassow

In der russischen Poesie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lassen sich deutlich zwei Tendenzen verfolgen: sozial-engagierte und lyrische. Ein hervorragender Vertreter des ersteren ist Nikolai Nekrassow (1821-1877) mit seinen Poemen „Russische Frauen“, „Wer lebt glücklich in Russland?“, „Frost-Rotnase“.

Ein Vertreter der lyrischen Tendenz ist Afanassi Fet (1820-1892).

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts herrschten Stimmungen des Pessimismus und des Unglaubens an die Umgestaltung der Gesellschaft nach den Grundsätzen des Humanismus und der Gerechtigkeit vor.

Tragische Schicksale talentierter Menschen aus dem Volk schilderte Nikolai Leskow (1831-1895), ein großer Meister der Sprache und des sagenhaften Stils, eindrucksvoll. So entstanden die Werke „Der verzauberte Wanderer“, „Der stählerne Floh“ und „Ein kunstvoller Friseur“.

Diesen Themen wenden sich auch Wsewolod Garschin (1855-1888) und Wladimir Korolenko (1853-1921) zu. In den Bühnenwerken „Der Kirschgarten“, „Drei Schwestern“ und „Die Möwe“ offenbart sich das Genie, Anton Tschechow (1860-1904), mit voller Kraft.

Später wird der alles durchdringende Pessimismus im Schaffen des „Sturmvogels der Revolution“ von Maxim Gorki (1868-1936), der zum Begründer der Literatur des „sozialistischen Realismus“ wurde und in seinem Werk „Klim Samgin“ das Leben im ideologisch-gesellschaftlichen Kampf in den vorrevolutionären Jahrzehnten schilderte, überwunden.

Die klassische Tradition der russischen Literatur setzten die Prosaiker Iwan Bunin (1870-1953), Nobelpreisträger von 1933, und Alexander Kuprin (1870-1938) fort.

Der Anfang des 20. Jahrhunderts war durch das Aufgehen des silbernen Zeitalters der russischen Literatur gekennzeichnet. Es entstand eine Reihe von neuen Schulen und Richtungen.

Alexander Block

In der russischen Kunst ebenso wie in der europäischen war der Symbolismus, der aus der Welt der bürgerlichen Werte ungestüm die „verdeckte Realität“ und die „unvergängliche Schönheit“ anstrebte, tonangebend. Zu seinen Vertretern gehören der große, russische Dichter Alexander Block (1880-1921), Andrej Belyj (1880-1934), Wjatscheslaw Iwanow (1866-1949) und Fjodor Sologub (1863-1927).

In der russischen Poesie des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts wurde  der Akmeismus, der die Kompliziertheit und Mehrdeutigkeit des Symbolismus zu überwinden suchte, zu einer bedeutsamen Richtung. Angesehende Vertreter des Akmeismus waren unter anderem Nikolai Gumiljow (1886-1921), Anna Achmatowa (1889-1966).

Zu der Oktoberrevolution 1917 standen russische Schriftsteller verschieden. Einige emigrierten ins Ausland, viele begrüßten aber die neuen Ereignisse. So zum Beispiel Alexander Block mit seinem Poem „Die Zwölf“ und die Futuristen Wladimir Majakowski (1893-1930) mit seinen Poems „Wladimir Iljitsch Lenin“ und „Gut und schön. Oktoberpoem“ und Welemir Chlebnikow (1885-1922).

In den 20er Jahren bildeten sich zahlreiche literarische Gruppierungen heraus: „Kusniza“ (proletarische Romantiker), „Serapionsbrüder“ (betont apolitische Einstellung), „Lef“ (wirkungsstarke revolutionäre Kunst), „Perewal“ (Intuitivismus und Selbstausdruck), RAPP (vulgärer Soziologismus).

Eine Menge Schriftsteller schlossen sich diesen Gruppierungen nur formell an, blieben aber praktisch ausgeprägte Einzelgänger. Zu den letzteren gehörten Boris Pasternak (1890-1960), der im Jahre 1958 für seinen Roman „Doktor Shiwago“ den Nobelpreis erhielt, Andrej Platonow (1899-1951), ein eigenartiger lyrisch-epischer Prosaiker.

In denselben Jahren nahm in der Poesie auch der feinste Lyriker Sergej Jessenin (1895-1925), Sänger des bäuerlichen Russlands, einen bedeutenden Platz ein. Die kritische Auffassung der Wirklichkeit spiegelte sich scharf in den satirischen Werken von Michail Sostschenko (1895-1958) und Michail Bulgakow (1892-19940) wider. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sank das allgemeine Niveau der Literatur. Aber auch in dieser Zeit arbeiteten bemerkenswerte Schriftsteller, so der Prosaiker Michail Scholochow (1905-1984), der Nobelpreisträger von 1965 mit dem Roman „Der stille Don“, die Dichter Osip‘ Mandelstam, Anna Achmatowa, Nikolai Tichonow (1896-1979).

Das Thema des Großen Vaterländischen Krieges (1941-1945) gab dem Schaffen der Schriftsteller starke Impulse. Die Verse der Dichter, Konstantin Simonow (1915-1979), Alexander Twardowski (1910-1971) und vieler anderer, sind zu einem wahren Gedankengut des Volkes geworden. Diesem Thema wandten  und wenden sich von der Position des Realismus aus einige zeitgenössische Dichter und Prosaiker zu.

In der nach Stalins Tod angebrochenen Periode des Tauwetters wurde der Roman „Nicht von Brot allein“ 1956 von Wladimir Dudinzew veröffentlicht.

Es erschien eine Gruppe talentierter Dichter und Prosaiker, die ihre Treue zu den Idealen der bürgerlichen Freiheit laut kundtaten. Man bezeichnet sie als „Schestidesjatniki“.

Über das Schicksal des russischen Dorfes dachten qualvoll die sogenannten „Derewenstschiki“ nach.

Iossif Brodski

Die nachfolgende Zeit der breshnewschen „Stagnation“ war durch die verstärkte Zensur gekennzeichnet. In die erzwungene Emigration gerieten der Prosaiker, Alexander Solshenizyn, dem 1970 ein Nobelpreis verliehen wurde und der Dichter Iossif Brodski (1940-1996), Nobelpreisträger von 1987.

Die Epoche der Öffentlichkeit und die nachfolgende Periode der Demokratisierung der russischen Gesellschaft führten dazu, dass der literarische Nachlass der in Emigration gelebten Schriftsteller, Iwan Schmeljow (1873-1959), Boris Pilnjak (1894-1941), Boris Saizew (1881-1972), Alexander Remisow (1877-1957), Jewgeni Samjatin (1884-1937) und anderer intensiv erschlossen wurde.

In den klassischen Traditionen der russischen Literatur arbeiteten und arbeiten unsere Zeitgenossen, die Prosaiker Wladimir Makanin, Anatoli Kim, Ruslan Kirejew, Anatoli Kurtschatkin, die Dichter Wladimir Sokolow, David Samoilow, Juri Lewitanski und Oleg Tschuchonzew.

Die Übergangsperiode im gesellschaftlichen Leben Russlands ist durch das Aufblühen und den Widerstreit verschiedener literarischer Strömungen gekennzeichnet, von denen die wichtigsten der Postmodernismus und der Traditionalismus sind.

Die russische Literatur schuf ideologisch-künstlerische Werte von Weltstand, sowohl was die Weite der sozial-moralischen Problemstellung als auch die Neuartigkeit der ästhetischen Lösungen betrifft. Der weltweite Erfolg und die Popularität der russischen Literatur wurzeln in deren Volkstümlichkeit, Tiefe und Mannigfaltigkeit der angeschnittenen Probleme, der Verschiedenartigkeit der Genres und Schaffensmethoden.

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